Welche Pädagogik brauchen Kinder heute?

Remo-Largo_rssoInterview mit dem Kinderarzt Remo Largo

Dr. Remo Largo
Kinderarzt und Entwicklungspädiater, verfasste 120 wissenschaftliche Publikationen. Grosse Beachtung fanden die Bücher «Babyjahre» (600000 verkaufte Exemplare), «Kinderjahre» und «Glückliche Scheidungskinder». Remo Largo ist Vater von drei Töchtern und Grossvater von vier Enkelkindern. Im Februar ist sein neuestes Buch «Schülerjahre» erschienen.

Schulstress, Prüfungsaängste und in der Folge Medikamente - was können da Eltern und Lehrkräfte tun?

Das geht nur, wenn man dem Kind vertraut: Jedes Kind will lernen und sich entwickeln. Wenn wir dem Kind da misstrauen, dann übernehmen wir eine Verantwortung am falschen Ort. Wenn wir das akzeptieren, ist die Frage: Was ist denn nun unsere Verantwortung? Diese besteht meines Erachtens darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass das Kind in jedem Lebensalter lernen kann – dafür müssen wir wissen, was das Kind in welchem Lebensalter braucht. Und dies hat nicht mit den Bedürfnissen der Wirtschaft zu tun, sondern ist eine Pädagogik, die sich am Kind orientiert.

Was sind Ihre Erwartungen als «Steinerschul-Vater»?

Was mich überzeugt hat, war, dass Rudolf Steiner ehrlich bemüht war, die Bedürfnisse der Kinder in den verschiedenen Altersperioden zu erfassen, und sich gefragt hat, wie man das entsprechende Umfeld gestalten müsste. Das hat er damals viel besser gelöst als die öffentlichen Schulen. Das ist auch heute noch so und das hat mich überzeugt. Ich denke, dass die Art und Weise der Umsetzung immer noch weitgehend kindgerecht ist. Begrüssenswert ist für mich, dass der Notendruck und diese alles bestimmende Selektion nicht vorhanden ist.

Mehr als 80 Jahre gibt es Rudolf Steiner Schulen. Warum hat das nicht mehr Einfluss gehabt auf das öffentliche Schulsystem?

Der Einfluss ist indirekt. Defizite an den öffentlichen Schulen sind langsam aufgefüllt worden, und dafür hat man sich viel geborgt von Steiner und Montessori. Heute sind alle Schulen gefordert, für mich ist das, was jetzt geschehen muss an den Schulen, etwas Radikales. Von aussen gibt es viele und starke Einflüsse wie Globalisierung, Wirtschaft oder gesellschaftliche Veränderungen. Da ist ein Paradigmenwechsel angezeigt: Akzeptieren wir, dass jeder Mensch ganz individuelle, eigene Stärken haben darf? Ein grosses Problem diesbezüglich sind die Jugendlichen. Was die Rudolf Steiner Schulen z.B. in der ROJ Mittelschulen Jurasüdfuss in Solothurn mit den Langzeitpraktika und mit den Portfolios machen, das erschliesst dem Jugendlichen neue Möglichkeiten fürs Leben und einen beruflichen Einstieg. In dieser Richtung müsste noch viel mehr versucht werden, wir hätten auch an staatlichen Schulen mehr Freiheiten, als die Lehrkräfte sich auszuschöpfen trauen - wenn wir uns eben am Kinde und am Jugendlichen orientieren

Auszüge aus einem Interview, das Thomas Stöckli am 2. Juli 2008 in Uznach führte; eine vollständige Fassung ist zu lesen in der Wochenschrift «Das Goetheanum» vom 6. Februar 2009/Nr. 6.

Die Schüler und ihre Entwicklung sind stets im Mittelpunkt.